„Geschichte verstehen - Zukunft gestalten“,    7. Themenwochenende

7. und 8. September 2018

Nach einem Jahr endete mit dem 7. Themenwochenende die von den Kooperationspartnern Volkshochschule Nordkreis Aachen und Geschichtsverein Baesweiler e. V. getragene  Veranstaltungsreihe „Geschichte verstehen - Zukunft gestalten“.

 

Sensibilisierung der Öffentlichkeit war die tragende Säule, denn aus Sicht des Projektteams sind Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und damit auch die freiheitliche offene Gesellschaft keineswegs gesichert. Darauf sollte das letzte Themenwochenende nochmals verdeutlichen. Wurden die ersten 12 Veranstaltungen von der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart bestimmt, waren die beiden letzten Veranstaltungen überwiegend gegenwarts- und zukunftsbezogen, denn die Entwicklungen in den Jahren 2017 und 2018 sind eindringliche Warnung, dass die offenen Gesellschaften des liberalen Westens tatsächlich scheitern könnten. Die brisante Aktualität - in zahlreichen europäischen Parlamenten sitzen inzwischen nationalistische Parteien, in einigen Staaten stellen sie die Regierung - sollte durch die gewählte thematische Kopplung der beiden Veranstaltungen unterstrichen werden.

 

Am Freitagabend war der Politikwissenschaftler Dr. Stephan Kaußen zu Gast. Dass er gewonnen werden konnte, war für das Projektteam ein besonderer Glücksfall, denn er legt bei jeder Gelegenheit seinen Finger in die Wunde der Gesellschaft der „Etablierten Republik Deutschland“. In seinem Buch „Europas Zeitenwende“ beschreibt er schonungslos den Hang der deutschen und westlichen Gesellschaften zur Individualisierung, zu Hedonismus, Konsumismus und Selbstoptimierung sowie zur Ökonomisierung. In Verbindung mit einer Verflachung der medialen Inhalte und der schwindenden Bedeutung von Universalbildung werden die liberalen Demokratien zunehmend geschwächt. Aus seiner Sicht befinden sich die westlichen Gesellschaften in einem „Kulturbruch“, der sich vor unser aller Augen abspielt. Sind wir dabei, die offenen Gesellschaften zu verlieren? Die klaren und deutlichen Worte von Dr. Kaußen regten zur Diskussion an, so dass auch an diesem Abend der zeitliche Rahmen gesprengt wurde. Die mahnenden Botschaften von Dr. Kaußen sind von grundsätzlicher Bedeutung und im Hinblick auf die Samstagsveranstaltung zentral, als es um die Feinde der offenen (geschwächten) Gesellschaften des Westens ging. 

 

Maik Fielitz vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität zu Hamburg brachte den Gästen eine politische Strömung und die von ihr ausgehenden Gefahren für die liberalen Demokratien näher: die „Neue Rechte“. Dabei war es für das Gesamtverständnis von enormer Bedeutung, die historischen Wurzeln, die intellektuellen Vordenker und die gegenwärtigen Protagonisten zu erkennen. Eine grundlegende Erkenntnis: Neo-Nazis in Springerstiefeln sind zwar im öffentlichen Raum erkennbar, doch sie sind keineswegs maßgebend für den schleichenden Prozess, der mittlerweile in den westlichen Gesellschaften zu beobachten ist. Die Grenzen des Sagbaren sind bereits deutlich verschoben. Den modern auftretenden Vertretern der Neuen Rechten ist es gelungen, Einfluss auf die Sprache zu nehmen. Sie sprechen von nationaler Identität, von nationaler Wiedergeburt, sie benutzen ideologische Versatzstücke, die viel Unheil über die Menschheit gebracht haben. Anstoß daran wird jedoch von immer weniger Menschen genommen. Warum? Ist die Diagnose von Dr. Kaußen bereits weitaus zutreffender als gedacht? Gehen die von ihm angemahnten bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklungen eine ungewollte Allianz mit den Kräften ein, die die offenen Gesellschaften bekämpfen wollen? Und führen diese Entwicklungen letztlich dazu, dass dem erstarkenden Nationalismus keine überzeugenden Antworten mehr gegeben werden können, wegen mangelnder Kraft oder schlimmer, wegen nicht vorhandener Lust, weil es sich die Menschen in der „Etablierten Republik Deutschland“ bereits zu bequem gemacht haben?

 

Das Projektteam von „Geschichte verstehen - Zukunft gestalten“ kann sich noch gut daran erinnern, als es die Veranstaltungsreihe bei diversen Institutionen präsentierte, dass in den Gesichtern vieler Menschen Zweifel zu sehen waren, dass die Warnung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit seien keineswegs gesichert, als übertrieben angesehen wurde; dieser Einwand wurde teils auch deutlich ausgesprochen. Doch plötzlich - nach den Ereignissen in Chemnitz - füllen sich die Kommentarspalten in den Zeitungen, melden sich Prominente aus Politik, Kunst und Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft zu Wort. Sie fordern, die Menschen müssen sich einsetzen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Doch werden die Menschen aufstehen und sich zeigen, werden sie sich im Ernstfall für die doch immer noch von der Mehrheit geliebte offene Gesellschaft engagieren? Denn das hatte schon der große Philosoph Karl Popper gefordert, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg noch ganz unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Diktatur. Und heute nach rund 70 Jahren Frieden, Freiheit und Sicherheit in Deutschland? Droht ein Rückfall in nationalistische Verhaltensmuster, weil die Schrecken der Vergangenheit schon zu weit weg sind?

 

Das Projektteam „Geschichte verstehen - Zukunft gestalten“ bedankt sich bei allen Sponsoren und Unterstützern, bei allen, die die Veranstaltungsreihe begleitet haben. Es war ein intensives, anstrengendes, aber lohnendes Jahr, denn wir durften viele liebenswerte und engagierte Menschen kennenlernen, die alle als Multiplikatoren dienen, wenn es darum geht, auch im eigenen Umfeld den Feinden der offenen Gesellschaft entgegenzutreten.

 

Wird das Projektteam die Arbeit fortsetzen? Das schönste Kompliment, das uns erreichte, lautete: „Machen Sie bitte weiter. Solche Veranstaltungen sind absolut notwendig, um dem Vergessen entgegenzuwirken und den hohen Wert unserer freiheitlichen Gesellschaft deutlich zu machen.“ Allein dieses Statement sollte Ansporn sein, mit der Arbeit fortzufahren. Allerdings waren die vergangenen 1 1/2 Jahre inkl. Vorbereitungszeit und sieben Themenwochenenden ein Kraftakt, da die ehrenamtliche Arbeit zusätzlich neben der beruflichen Tätigkeit geleistet werden musste. Das Projektteam wird deshalb die Veranstaltungsreihe zunächst einmal auswerten und zu einem späteren Zeitpunkt eine Entscheidung treffen.

 

Fotos: ULi Muntenbeck

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https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/

 

Ihr Projektteam „Geschichte verstehen - Zukunft gestalten"

 

Jana Blaney, Leiterin der Volkshochschule Nordkreis Aachen,

Enno Schwanke, Historisches Institut der Universität zu Köln,

Heinz W. Kneip,

Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler e. V.

 

Begrüßung von Jana Blaney und Heinz W. Kneip.

Die Partei DIE LINKE reiht sich zum Abschlusswochenende noch in die Reihe der Unterstützer ein. 

Das Projektteam bedankt sich bei allen Sponsoren der Veranstaltungsreihe. 

Günter Pesler führt in die Gesprächsrunde mit Dr. Stephan Kaußen und dem Historiker Enno Schwanke ein.

Gesprächsrunde mit Politikwissenschaftler Dr. Stephan Kaußen.

Dr. Stephan Kaußen: Mit klaren Botschaften macht er auf bedenkliche Entwicklungen aufmerksam.

Diskussion zu vorgerückter Stunde.

Dank von Catharina Scholtens (Vorsitzende Geschichtsverein Baesweiler) an die Kooperationspartner Jana Blaney (VHS Nordkreis Aachen) und Günter Pesler (Geschichtsverein Baesweiler) sowie an Heinz W. Kneip für die geleistete Arbeit.

Günter Pesler wirft einen Blick zurück auf die Freitagsveranstaltung und leitet über zum samstäglichen Thementag.

Enno Schwanke führt aus historischem Blickwinkel ein in das Thema „Neue Rechte“.

Maik Fielitz vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität zu Hamburg.

Diskussion zum Thema mit dem Gast vom Freitagabend, Dr. Stephan Kaußen.

Dank an Enno Schwanke, Projektgruppenmitglied vom Historischen Institut der Universität zu Köln, für seine wissenschaftliche Begleitung.