Volker Kutscher

Märzgefallene

Köln, Kiepenheuer und Witsch, 2014, 608 Seiten, 19,95 €

Rezensiert von Peter Kullick, Geschichtsverein Baesweiler

Anzuzeigen ist ein Kriminalroman, der in Köln und in Berlin im Frühjahr 1933 spielt. Der gebürtige Kölner Gereon Rath, Kriminalkommissar bei der Berliner Kripo, hat einen Fall von dem inzwischen von den neuen Machthabern suspendierten Oberkommissar Böhm übernommen, den Fall eines erstochenen Obdachlosen. Die Ermittlungen führen zurück in den 1. Weltkrieg, als das Mordopfer zu einer Gruppe von deutschen Soldaten gehörte, die bei einem Rückzug 1917 einen französischen Goldschatz entdeckt und wieder versteckt hatten. Nach dem Krieg bleibt der Schatz jedoch unauffindbar. Nach und nach werden auch andere Mitglieder dieser Gruppe auf dieselbe Art getötet, durch einen sog. Grabendolch, eine Nahkampfwaffe aus den Schützengräben.
Mehr sei zu der Krimihandlung nicht verraten. Die Auflösung ist natürlich überraschend und lässt dem Krimifreund bei der Lektüre genügend Raum für eigene Spekulationen. Zur Enttäuschung der sog. Hard-Core-Thriller-Fans sei gesagt, dass den Voyeur interessierende Perversitäten hier nicht geboten werden, es sei denn, man „genießt“ entsprechende Schilderungen von SA-Folterungen als solche. Und damit bin ich schon bei den Eigenheiten dieses historischen Krimis, die ihn als Lektüre für den Geschichtsinteressierten empfehlenswert machen. Ich kenne keine Unterhaltungsliteratur über historische Themen, die so genau recherchiert sind und uns in die damalige Welt des Durchschnittsmenschen so einfühlsam eintauchen lassen, wie die Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher. Viele Ebenen werden zu einem Geflecht der Romanhandlung verknüpft: Kindheit und Jugend der Hauptfigur in Köln, kölscher Klüngel, Raths Liebesleben, das faszinierende Berlin der Goldenen Zwanziger und der Endphase von Weimar, der Umbruch zur Nazi-Diktatur, der von vielen gar nicht erkannt oder nicht ernst genommen wird; die Spannungen in der Polizeibehörde, die z.T. ungewollt zum Instrument der Nazi-„Machtergreifung“ gemacht wird; die Brutalitäten der SA-Hilfspolizei, die unter einem legalen Mäntelchen ihre rechtsfreien Räume schafft; die Berliner Unterwelt, die wie die Kommunisten verfolgt und gequält wird, wenn sie nicht sich dem „nationalen Aufbruch“ anschließt.  Und nicht zuletzt die Kriminalhandlung, die den Bogen schlägt zwischen der vergangenen Grausamkeit des 1. Weltkriegs und der aufkommenden Verrohung des Nazi-Zeitalters.
Die Handlung beginnt am Rosenmontag, demselben Tag, an dem in Berlin der Reichstag brennt, und endet im Mai 1933, als vor der Universität die Bücher brennen und es in einem Tunnel unter dem Universitätsplatz zum Showdown kommt. Der Titel „Märzgefallene“ bezieht sich auf die Mitläufer, die nach dem Ermächtigungsgesetz ihr Heil in der Flucht nach vorn, in die Mitgliedschaft der NSDAP suchten. Von daher bekommt der Roman auch seine historisch-politische Bedeutsamkeit, da er modellhaft die Möglichkeiten durchspielt, die man angesichts eines politisch-sozialen Umbruchs damals hatte und die manche vielleicht noch heute so ergreifen würden.    
Der vorliegende Roman ist „Gereon Raths fünfter Fall“. Es gibt bereits vier zurück liegende Fälle, die ab dem Jahr 1929 jeweils wichtige historische Komplexe als Grundlage haben, wie z.B. das Berliner Nachtleben oder die Filmindustrie an der Wende vom Stumm- zum Tonfilm. Alle Romane sind als preisgünstige Taschenbücher zu haben. Als Einstieg empfiehlt sich  die Website HYPERLINK "http://www.gereonrath.de"www.gereonrath.de, die auch Materialien zur damaligen Epoche enthält sowie einen Einblick in die Arbeitsweise des Autors gibt. Die kommenden Romane werden zeigen müssen, wie sich ein eher unpolitischer Kommissar unter den Bedingungen der Nazi-Herrschaft verhalten kann.