Johannes Fried

Karl der Große. Gewalt und Glaube. Eine Biografie

C. H. Beck Verlag, München 2013, ISBN 3406652891, gebundene Ausgabe, 736 S., 29,95 €

Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler


Im Vorwort ist folgender Satz zu lesen: „Die Tiefe eines Lebens vor 1200 Jahren ist heute nicht mehr auszuloten.“ Er beschreibt prägnant die Schwierigkeit, der sich jeder Autor, der sich mit den Vorgängen in jener Zeit auseinandersetzt, gegenüber sieht. Dies gilt auch für einen brillanten Mediävisten wie Johannes Fried. Es besteht lediglich die Möglichkeit, sich ein Bild zu machen. Natürlich können die zur Verfügung stehenden Quellen herangezogen werden, dennoch bleibt ein weites Feld der persönlichen Interpretation. Somit ist das Bild „subjektiv geformt und gefärbt“, welches uns der Autor präsentiert. Um es auf den Punkt zu bringen: Gesichertes Wissen über Karl den Großen und das Leben im frühen Mittelalter ist nicht allzu reichhaltig vorhanden. Dennoch lohnt es, sich von Johannes Fried auf die Reise in jene Zeit mitnehmen zu lassen. Der Autor entführt uns auf anschauliche und lebendige Art in eine Welt, in der Karl der Große zwar der herausragende Herrscher seiner Zeit war, in der es jedoch auch für ihn und die von ihm genutzten Instrumente der Macht schwierig war, dieselbe zu sichern. Neben seinen militärischen Aktivitäten war Karl der Große bestrebt, seine Kapitularien, also gesetzliche Bestimmungen zur Vereinheitlichung von Verwaltung und Rechtsprechung, im Reich zu verbreiten. Doch wie konnte dieses Instrument der Machtsicherung verkündet werden? Dazu bediente er sich seiner Königsboten, die nun durchs Land zogen, um die Kapitularien bekanntzugeben. Neben mündlicher Verkündung wurden bedeutsame Kapitularien zudem in Abschriften festgehalten. All diese Vorgänge brauchten unendlich viel Zeit, wir sprechen hier von Jahren. Ebenso zeitaufwendig war die Kontrolle ihrer Umsetzung. Unter diesen schwierigen Bedingungen der damaligen Möglichkeiten der Kommunikation ist aus heutiger Sicht leicht nachvollziehbar, wie brüchig Machterhalt gewesen sein musste. So langsam die Kommunikation zu jener Zeit in einem nur spärlich besiedelten Europa war, ein Kontinent, der von dichten Wäldern durchzogen war, so stark war der Glaube ausgeprägt. Der Glaube bestimmte auch das Leben Karls, der wie die meisten seiner Zeitgenossen von einem „Endzeitdenken“ beherrscht war, dem er sich nicht entziehen konnte und wohl auch nicht wollte. Sollte das Jahr 800 das Ende der Zeit sein? Wir wissen heute, das Leben ging weiter. Dennoch blieb es weiter von diesen Gedanken bestimmt. Lag ein Berechnungsfehler vor? Auch diesen Fragen widmet sich Johannes Fried. Natürlich beschäftigt er sich auch mit dem kriegerischen Karl. Ja, das war er. Kriege waren eine Selbstverständlichkeit. Karls Handlungsweise zeigt, dass er durchaus kritisch gesehen werden muss, allerdings aus heutiger Sicht, denn er war ein Kind seiner Zeit. Das Denken und Handeln der Menschen unterlag Grundsätzen, die für uns kaum noch nachvollziehbar sind. Der Titel des Buches „Gewalt und Glaube“ trifft den Kern der Sache. So bestrebt Karl der Große einerseits war, den christlichen Glauben zu verbreiten, so tolerant und freizügig war er auf der anderen Seite, und das galt nicht nur für ihn. Seine Töchter hatten alle Freiheiten, sie konnten ihre Vorlieben ausleben. Uneheliche Kinder waren die Folge. Ein Widerspruch? Damals offensichtlich nicht. Die Ausführungen des Autors räumen auch den persönlichen, den familiären Bindungen und Beziehungen am Hofe Raum ein. Natürlich fehlen auch nicht die Leistungen Karls auf dem Gebiet der Bildung. Der seit dem Untergang des weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert schleichend einsetzende Kulturverlust wurde von ihm korrigiert. Aus heutiger Sicht war dieser Umkehrprozess wohl seine größte Leistung. Er scharte die klügsten Köpfe der Zeit um sich und machte seinen Hof und die Klöster zu Zentren des Wissenstransfers. Diese kurzen thematischen Blöcke bilden nur einen Teil des umfangreichen Buches von Johannes Fried ab. Er liefert tatsächlich ein breites Panorama der mittelalterlichen Welt Karls. Dieser Umfang ist aus meiner Sicht sein Problem bzw. das Problem des Lesers. So anschaulich und lebendig der Autor nämlich in weiten Teilen schreibt, so verliebt ist er phasenweise ins Detail. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass der Autor sich gerne ins Detail verliert, was nicht wenige Passagen schwer lesbar macht. Nicht selten hatte ich das Bedürfnis, einfach einige Seiten auszulassen. „Übersteht“ der Leser jedoch diese Abschnitte, öffnet sich ihm bald wieder die Welt des frühen Mittelalters, die dann auch wieder auf lebendige Art vermittelt wird. Es ist schade, dass dieser Stil vom Autor nicht in Gänze durchgehalten wurde. Vermutlich hat sich in den langatmigen Passagen des Buches der Wissenschaftler im Schriftsteller durchsetzen können.
Fazit: Für einen Kenner der mittelalterlichen Welt ist das Buch von Johannes Fried empfehlenswert, um tief in die Materie der Lebenswelt Karls des Großen einzusteigen. Der Detailreichtum dürfte auch für einen Experten noch die eine oder andere Überraschung bereithalten. Der Leser, der sich jedoch zunächst nur einen Überblick verschaffen möchte, sollte sich auf Literatur zu Karl und seiner Zeit beschränken, die auf eher kompakte Art und Weise, die mittelalterliche Welt entstehen lässt.
Günter Pesler