Arnulf Baring / Gregor Schöllgen

Kanzler, Krisen, Koalitionen – Von Konrad Adenauer bis Angela Merkel

Pantheon Verlag, München 2006, 190 S., ISBN 978-3-570-55008-3, 11,90 €

Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler

 

Die Geschichte eines Staates oder einer Epoche anhand der Repräsentanten zu erzählen ist zugegebenermaßen keine neue und besonders originelle Idee, doch wie so häufig kommt es auf die Umsetzung eines Vorhabens an, und die ist bei dem hier zu besprechenden Buch durchaus gelungen. Die renommierten Historiker Arnulf Baring und Gregor Schöllgen beleuchten in „Kanzler, Krisen, Koalitionen“ die bundesrepublikanische Geschichte im Spiegel der Kanzler-Biographien. Der Leser, der mit der Nachkriegsgeschichte und der weiteren Entwicklung bis ins 21. Jahrhundert weitgehend vertraut ist, wird zwar kaum neue Erkenntnisse zum historischen Ablauf gewinnen können, allerdings war dies wohl nicht der Anspruch der Autoren. Für den historisch Bewanderten dürften jedoch Aspekte von Interesse sein, die politische Entscheidungen und damit in der Folge die Geschichte der BRD durchaus beeinflusst haben. Beispielhaft seien hier die persönlichen Beziehungen von Politikern genannt, wie etwa das schwierige Verhältnis zwischen Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, dessen Kanzlerschaft durch die dominierende Stellung des „Alten“ von Beginn an belastet war. Und für jeden anderen interessierten Leser bietet das Buch eine kompakte Darstellung der Geschichte der Bundesrepublik. Von besonderem Interesse sind auch die persönlichen Eigenschaften der einzelnen Bundeskanzler, die die Geschicke des Landes stets beeinflussten. Bereits Machterlangung, aber wohl noch mehr Machterhaltung erforderten von jedem einzelnen enormen Willen, den jeder Kanzler mehr oder weniger ausgeprägt besaß. Im Zusammenhang mit der Persönlichkeit der Protagonisten stellen sich jedoch auch andere Fragen: Wäre Helmut Schmidt jemals Bundeskanzler geworden, wenn Willy Brandt 1974 nicht so schnell das Handtuch geworfen hätte? Hätte Brandt eine ähnlich konsequente Haltung wie Schmidt an den Tag gelegt, als es um den Nato-Doppelbeschluss ging (wohl kaum)? Warum konnte Helmut Kohl eine 16-jährige Amtszeit, die längste Kanzlerschaft der Bundesrepublik, hinter sich bringen, obwohl er doch als provinziell galt und sein Verhältnis zu den Medien gespannt war und es sich im Laufe der Jahre bis zur vollständigen Zerrüttung verschlechterte? Bei Kohl sowie bei den anderen Kanzlern waren charakterliche Eigenschaften entscheidender für den Erfolg oder Misserfolg der Amtszeit als zunächst zu vermuten ist. Nicht zuletzt betrachten die Autoren auch das Zusammenspiel und die Kräfteverhältnisse zwischen dem jeweiligen Regierungschef und dem Parteiapparat. Jeder Kanzler hatte mit seiner Partei Schwierigkeiten, von zunächst uneingeschränkter Solidarität spannte sich der Bogen bis hin zu Putschversuchen. Dabei waren sowohl der verpasste Abschied von der Macht - Konrad Adenauer, Helmut Kohl - als auch kaum zu überbrückende Meinungsunterschiede - Helmut Schmidt - ausschlaggebend. Entwicklungen auf persönlichem Gebiet hatten ebenfalls nicht selten gravierenden Einfluss darauf, welchen Verlauf eine Kanzlerschaft nahm. Wer erinnert sich nicht an die Beziehung zwischen Helmut Kohl und Heiner Geißler, die in die offene Feindschaft mündete oder an das schwierige Verhältnis zwischen Willy Brandt und Herbert Wehner. Neben der Betrachtung der zahlreichen persönlichen Aspekte ist der flüssige Schreibstil der Autoren die zweifellos zweite Stärke des Buches. Phasenweise liest es sich wie eine Romanhandlung mit Haupt- und Nebenfiguren, personifizierte Geschichte, die lebendig geschrieben ist und zum Weiterlesen anregt. Die kompakte Darstellung beugt Ermüdungserscheinungen beim Leser vor, ein sicherlich nicht zu unterschätzender Vorteil für alldiejenigen, die sich nicht mit tiefgründigen und/oderausufernden historischen Werken beschäftigen wollen.

Fazit: Die flott geschriebene Überblicksdarstellung liefert, dieser benutzten Begrifflichkeit folgend, keine neuen Denkansätze oder tiefschürfenden Betrachtungen. Salopp ausgedrückt, die Leser befinden sich in einem Grundkurs und nicht in einem Leistungskurs zur neueren deutschen Geschichte. Doch das bedeutet für das Lesevergnügen keinen Abbruch, denn neben dem historischen Abriss zur Geschichte der Bundesrepublik, den Entscheidungsprozessen sowie den daraus resultierenden politischen Weichenstellungen, wandert der Blick der Autoren wiederkehrend zu den charakterlichen Eigenschaften der Bundeskanzler sowie zu den persönlichen Verhältnissen zwischen ihnen und ihren Parteifreunden, ihren   innerparteilichen und oppositionellen Konkurrenten. In dieser  Vielschichtigkeit liegt der besondere Reiz dieser Abhandlung.