Brendan Simms

Kampf um Vorherrschaft - Eine deutsche Geschichte Europas 1453 bis heute

Deutsche-Verlags-Anstalt, München, 2014, ISBN 978-3-421-04397-9, gebundene Ausgabe, 895 S., 34,99 €

Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler


Brendan Simms, Professor für die Geschichte der Internationalen Beziehungen in Cambridge, behandelt in seinem voluminösen Werk die internationalen Machtverhältnisse und -verschiebungen, wobei er stets Deutschland in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt, und zwar in all seinen staatlichen Erscheinungsformen: Heiliges Römisches Reich, Deutscher Bund, Deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazi-Deutschland, Bundesrepublik, DDR, wiedervereinigtes Deutschland; Deutschland als Fixpunkt für die internationalen Führungsmächte in den vergangenen 500 Jahren, beginnend mit dem Fall Konstantinopels bis in unsere Tage hinein. Nur wer in der Lage war, die Kontrolle über diese Landfläche in der Mitte Europas zu gewinnen, hatte überhaupt die Möglichkeit, die Hegemonie über den gesamten Kontinent zu erlangen, so die These des Autors. Anhand dieser grundsätzlichen Überlegung hangelt er sich nun durch die Geschichte Europas, mit all den Ereignissen, die die Vorherrschaft auf dem Kontinent immer wieder veränderten. Brendan Simms lässt mithilfe dieses roten Fadens die europäische Geschichte seit dem 15. Jahrhundert bis heute Revue passieren. Für all diejenigen, die sich zu den zahlreichen Kriegen und Konflikten, zu Bündnissen und Allianzen bis hin zu Ideologien und zum europäischen Einigungsprozess einen historischen Überblick verschaffen wollen, ist das Buch eine Alternative, wenn auch keine gelungene. Dazu sind seine Schwächen zu offensichtlich. Die erste sehr auffällige Schwäche hängt mit dem Überblickscharakter des Buches zusammen, denn vertiefendes Wissen ist auf Grund der thematischen Ausgangslage trotz der mehr als 800 Seiten Lesestoff überhaupt nicht vermittelbar. Der Autor hat sich eine Mammutaufgabe gestellt, die nicht zu bewältigen ist, dazu hätte es eines mehrbändigen Werkes bedurft. So bleibt es letztlich, ein wohl vernichtendes Urteil, ein oberflächliches Geschichtsbuch. Simms bleibt aber auch gar nichts anderes übrig, als nur an der besagten Oberfläche zu kratzen, andernfalls wäre der Umfang des Buches ins Absurde gesteigert worden. Die zweite Schwäche resultiert aus dieser Oberflächlichkeit: Der Leser, der bereits über ein ordentliches historisches Basiswissen verfügt, erfährt nichts Neues, all die Ausführungen von Simms kommen ihm vertraut vor, denn er hat sie bereits in anderen Büchern, in anderen Zusammenhängen gelesen. Erschreckend ist jedoch, und hier sehe ich den wesentlichen Grund, dass dieses Buch nun wirklich keine Empfehlung sein kann, dass während der Lektüre der Eindruck entsteht und sich dieser mehr und mehr verfestigt, der Autor habe bereits während der Arbeit an seinem Buch erkannt, dass er das sich gestellte Thema wegen des nicht zu bearbeitenden Umfangs überhaupt nicht bewältigen kann, er sich aber trotz dieser Erkenntnis entschlossen hat, weiter an der Verwirklichung seiner Vorstellungen zwanghaft festzuhalten, anstatt abzubrechen oder der Bearbeitung der Thematik eine andere Richtung zu geben. Je länger ich mich durch das Buch gequält hatte, desto deutlicher wurde die Lustlosigkeit erkennbar, mit der Simms seine Schreibarbeit fortgesetzt haben muss. Eine nüchterne, gar langweilige Darstellungsweise und eine in weiten Teilen ärgerliche Monotonie der Sprache fördern nicht gerade das Lesevergnügen, im Gegenteil, die Lektüre wird zunehmend zur Qual. Die Hoffnung auf interessante Interpretationen, gestützt auf neue Forschungsergebnisse oder bislang unbekannte Quellen, verpackt in eine lebendige Sprache mit inspirierenden Formulierungen erfüllt sich bis zur letzten Seite nicht.
Fazit: Auch wenn die vom Autor gewählte Thematik grundsätzlich  interessant ist, scheitert die Umsetzung am bloßen Umfang der gestellten Aufgabe. Unter diesen Umständen war es schwierig, ein lesenswertes Buch entstehen zu lassen. Wer das hier besprochene Buch als Überblickswerk betrachtet und die sprachliche Langeweile bereit ist zu ertragen, kann den über mehr als 800 Seiten langen Marsch gerne antreten. Empfehlenswert ist „Kampf um Vorherrschaft“
allerdings nicht.