Monika Grübel / Georg Mölich (Hg.)

Jüdisches Leben im Rheinland – Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Köln, Böhlau Verlag, 2005, 315 Seiten, ISBN: 3-412-11205-4

Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler


In Baesweiler hat es in den Jahren 2013 und 2014 einige Veranstaltungen gegeben, die jüdische Schicksale im Ort thematisiert haben: 75-jähriges Gedenken an die Novemberpogrome 1938, Verlegung von Stolpersteinen, VHS-Vortrag zu jüdischen Schicksalen in Baesweiler. Dabei zeigte das große Publikumsinteresse, wie stark das Sujet auch nach den vielen inzwischen vergangenen Jahrzehnten die Öffentlichkeit immer noch bewegt. Dennoch gerät durch die Fokussierung auf die jüdischen Schicksale im Nationalsozialismus leicht aus dem Blick, dass jüdisches Leben bereits seit dem Mittelalter im deutschsprachigen Raum präsent war, ja gerade das Rheinland zu den bedeutenden Siedlungsräumen von Juden in Europa gehörte. Wer sich einen guten Überblick über die Thematik verschaffen möchte, dem kann das hier zu besprechende Buch empfohlen werden. Es bietet in zwölf abgeschlossenen Aufsätzen von verschiedenen Autoren einen chronologischen Querschnitt, der das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden im Rheinland darstellt. Beginnend mit der Gründung erster jüdischer Ansiedlungen – veranschaulicht durch eine Übersichtskarte mit den jüdischen Niederlassungen im Rheinland bis 1349/50 – wird der Bogen weiter gespannt, indem ihre Entwicklung unter den ersten Verfolgungen und Pogromen während der Kreuzzüge dokumentiert wird, bis zur Vernichtung ganzer Gemeinden in der Mitte des 14. Jahrhunderts (Pest-Pogrome). Jüdische Ansiedlungen wie Erkelenz existierten anschließend nicht mehr, für Aldenhoven liegen keine gesicherten Daten vor. Ein weiterer Aufsatz widmet sich dem sogenannten „Hofjuden“, den es auch bei rheinischen Territorialherren gab, gerne genutzt als Eintreiber von Steuern bei den jüdischen Gemeinden. Einerseits war der „Hofjude“ privilegiert, andererseits von seinem Fürsten abhängig. Dies konnte sich fatal auswirken, wie das Schicksal von Joseph Süß Oppenheimer zeigt. Beispielhaft für jüdisches Leben war das des „Hofjuden“ keinesfalls, die meisten Juden lebten in jener Zeit in bescheidenen und dazu noch prekären Verhältnissen. Das von großer Unsicherheit geprägte Leben der Juden im Rheinland wird folgerichtig im nächsten Aufsatz thematisiert. Ein Leben zwischen Ansiedlung, Ausweisung und Wiederansiedlung: eine Konstante  üdischen Lebens bis zur Emanzipationszeit. Doch auch nach ihrer rechtlichen Gleichstellung in Deutschland im Zuge der Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 blieb die vollständige Integration, von den meisten Juden herbeigesehnt, eine Illusion. Dies beleuchtet ein Aufsatz, der sich speziell mit der Situation in Geldern zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Religiöse Judenfeindlichkeit war nach wie vor virulent, aber nach und nach gewann der Antisemitismus die Oberhand, nachvollziehbar veranschaulicht und begünstigt durch eine gute Quellenlage in der niederrheinischen Stadt. Am Beispiel von Köln dokumentiert ein weiterer Beitrag den dortigen Prozess der Integration der Juden, der jedoch Ende der 1920er Jahre ins Stocken gerät und mit der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten abrupt endet. Es  chließt sich der einzige Aufsatz an, der sich mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte befasst, wobei die zunächst schleichende und dann forcierte Enteignung jüdischen Vermögens (Arisierung) im Mittelpunkt steht, beispielhaft an Köln dargestellt. Wie bereits in anderen Beiträgen thematisiert1, zeigt sich auch hier die unrühmliche Rolle vieler Städte und Gemeinden in jener Zeit, die trotz noch fehlender Gesetzesgrundlage teils eigenmächtig Maßnahmen gegen jüdische Bürger ergriffen, so dass sich selbst die Reichsregierung genötigt sah einzugreifen. Die drei abschließenden Aufsätze befassen sich mit dem jüdischen Leben in der unmittelbaren Nachkriegszeit, mit dem unter großen Schwierigkeiten stattfindenden Neuaufbau von jüdischen Gemeinden, beispielhaft dargestellt an Dortmund und Düsseldorf, und ihrer Situation zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Damit wird ein Themenkomplex beleuchtet, der angesichts der starken Fokussierung in vielen Publikationen auf die nationalsozialistische Judenverfolgung leicht aus dem Blickfeld geraten kann.
Fazit: Ein chronologisch klar strukturiertes Buch, welches in der Gesamtheit der Beiträge gut nachvollziehen lässt, wie sich jüdisches Leben im Rheinland von den ersten Ansiedlungen im Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert entwickelt hat. Der regionalhistorische Schwerpunkt der Aufsätze stellt damit eine sinnvolle Verbindung zwischen vielen globalen und lokalen Darstellungen jüdischen Lebens dar. Die Aufsätze verdeutlichen, dass die jüdische Geschichte in Deutschland weit mehr ist, als die nationalsozialistische Judenverfolgung. Die jüdische Geschichte ist ein wesentlicher Teil der deutschen Geschichte, sie ist
komplex, steckt voller Überraschungen, und vieles davon hat sich hier
im Rheinland ereignet, in unmittelbarer Nähe.
Hinweis: Das Buch kann über die Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen bezogen werden (http://www.politischebildung.
nrw.de/)
Günter Pesler
1 Gruner, Wolf, „Die NS-Judenverfolgung und die Kommunen“, in Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Institut für Zeitgeschichte, Jahrgang 48, 2000