Christopher Browning

Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die Endlösung in Polen

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1999, Neuausgabe mit einem Nachwort, 331 Seiten, ISBN 978-3-499-60800-1, 9,99 €

Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler


Man stelle sich vor, mehrere hundert Polizisten bekommen Folgendes zu hören: „Wir werden heute Menschen zusammentreiben, arbeitsfähige Männer aussortieren und den Rest, Kranke, Alte, Frauen und Kinder erschießen. Wer sich daran nicht beteiligen will, soll sich melden.“ Es ist zu vermuten, dass kein Polizist daran teilhaben möchte, ja einen solchen  Auftrag kategorisch ablehnen würde. Tatsächlich haben sich lediglich 12 von mehreren hundert Polizisten geweigert. So geschehen im Juni 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, im vom Deutschen Reich besetzten Polen, weit hinter der Front. Der Auftrag wurde „ohne besondere Vorkommnisse“ ausgeführt.
Das im Titel von Browning erwähnte Reserve-Polizeibataillon 1011 hatte ab 1942 dafür Sorge zu tragen, dass Gebiete im Generalgouvernement2 „judenfrei“ wurden. Christopher Browning beschreibt detailliert die Phase, in der die Polizisten ihrer Aufgabe nachgingen. Seine Rechercheergebnisse stützen sich auf das Archiv der Hamburger Staatsanwaltschaft, die in den 1960er- und 1970er-Jahren die Verfahren gegen einige Angehörige der Einheit führten.3 Basis der Ausführungen Brownings sind 210 Vernehmungen und 125 Aussagen von Tätern. Darüber hinaus sind die  Dienstpläne der Einheit erhalten geblieben, womit eine lückenlose Dokumentation vorliegt. Die Fakten: Das Reserve-Polizeibataillon 101 war eines von mehr als 100, die im In- und Ausland eingesetzt worden sind. 500 Männer, deren Durchschnittsalter bei ca. 40 Jahren lag, waren an mehreren „Aktionen“ zwischen Juni 1942 und Oktober 1943 beteiligt, bei denen 38.000 Menschen erschossen und 45.000 in Vernichtungslager deportiert worden sind. Die Führungskräfte des Bataillons waren Berufspolizisten, die  Mannschaft bestand aus Männern, die aus Altersgründen nicht zur  Wehrmacht eingezogen worden waren. Lediglich zwei Kompanieführer gehörten der SS an, es gab einige NSDAP-Mitglieder, zwei Drittel der  Bataillonsangehörigen kamen aus der Arbeiterschaft, sie waren  Hafenarbeiter, Seeleu-

1 Die Angehörigen kamen aus Hamburg.
2 Gebiet in Polen, welches während des Zweiten Weltkriegs vom Deutschen Reich militärisch besetzt, aber nicht in das Reichsgebiet eingegliedert wurde. Ab August 1941 wurde es um das sowjetische Galizien erweitert.
3 Bataillonskommandeur Wilhelm Trapp wurde im Jahre 1948 von einem polnischen Gericht zum Tode verur-
2 Gebiet in Polen, welches während des Zweiten Weltkriegs vom Deutschen Reich militärisch besetzt, aber nicht in das Reichsgebiet eingegliedert wurde. Ab August 1941 wurde es um das sowjetische Galizien erweitert. 3 Bataillonskommandeur Wilhelm Trapp wurde im Jahre 1948 von einem polnischen Gericht zum Tode verurteilt, darüber hinaus wurden im Hamburger Prozess drei Führungskräfte zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die wenigen anderen Angeklagten wurden frei gesprochen, gegen die weitaus meisten jedoch wurde noch nicht einmal Anklage erhoben.

te, Kellner usw. Sie waren also keineswegs ausgesuchte Männer, die  ideologisch „vorbereitet“ waren, um zu töten. Browning geht in seinen Ausführungen auf einzelne „Aktionen“ ein, wobei er sehr detailliert die Abläufe unterschiedlicher Aufgaben der Polizisten -  Durchsuchung, Absperrung, Sammlung, Selektion, Erschießung – beschreibt. Bereits der erste Auftrag ließ keine Zweifel aufkommen, worin er bestand:  Arbeitsfähige Juden aussortieren, Kranke, Alte, Frauen und Kinder  erschießen. Wie eingangs beschrieben, traf der Befehl des Kommandeurs auf keinen Widerstand, lediglich wenige Polizisten weigerten sich. Dienstrechtliche Konsequenzen hatte es für sie keine.4 Bald schon wurden die „Aktionen“ zur Routine, der Massenmord gehörte zum Alltag der Polizisten: jüdische Ghettos räumen, Juden in Güterwaggons „verfrachten“, die sie in die Vernichtungslager brachten, Wälder durchkämmen, um nach flüchtigen Juden zu suchen, und immer wieder töten, töten, töten. Doch wie war es möglich, dass „ganz normale Männer“ zu solchen Taten fähig waren? Wie konnten sie zu Massenmördern werden? Browning trifft hier sehr differenzierte Aussagen, er führt ein ganzes Bündel an Ursachen an, die die gestellten Fragen beantworten können. Damit steht er in strengem Widerspruch zu dem amerikanischen Historiker Daniel Goldhagen, dessen Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ in Teilen als Antwort auf das hier zu besprechende Buch zu verstehen ist, welches in seiner Erstausgabe bereits 1992 erschienen ist. Beide, Browning und Goldhagen, beschäftigen sich mit der gleichen Thematik, vertreten aber unterschiedliche Positionen hinsichtlich der Ursachen. Beide gehen auch auf die jeweiligen Standpunkte des jeweils anderen ein, Browning im vierzigseitigen Nachwort der Neuausgabe von 1999, Goldhagen in seinen Anmerkungen. Goldhagen vertritt die These vom „eliminatorischen Antisemitismus“,  wonach die Judenfeindlichkeit in der deutschen Bevölkerung tief verankert gewesen sei, sie war demzufolge ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Täter seien deshalb von ihren inneren Überzeugungen getrieben gewesen, sie mordeten freiwillig und waren somit „willige Vollstrecker“. Browning hingegen sieht vielfältige Ursachen, die die Massenmorde möglich machten, wobei er konstatiert, dass sie auch auf andere Kriegsverbrechen anwendbar seien: Autoritäre Strukturen, Disziplin und Gehorsam, Karrierestreben, Brutalisierung und „Routine des Tötens“. Ins Auge fällt insbesondere der vom Autor ins Feld geführte Konformitätsdruck, der Druck der Gruppe. Bei den Polizisten, die sich weigerten, war keineswegs die Angst vor dem Vorgesetzten  ausschlaggebend, sondern die vor den eigenen Kollegen. Keinesfalls wollte man als schwach oder gar als Feigling gelten. Der zu erwartende Vorwurf, sich vor der „Drecksarbeit“ drücken zu wollen und daraus resultierend in der Folge von der Gruppe geschnitten zu werden, war die stärkste Triebfeder mitzumachen, also selbst vor vielfachem Mord nicht zurückzuschrecken. 5 Beunruhigend aus heutiger Sicht ist, dass die von Browning benannten 4 Den „Befehlsnotstand“, der in Nachkriegsverfahren sehr häufig als  Argument für die eigene Mitwirkung an Verbrechen angeführt wurde, gab es bei den Nationalsozialisten in dieser Form nicht. Jeder Polizist, jeder Soldat und jeder andere Befehlsempfänger konnte sich einem Tötungsauftrag entziehen, wenn er wollte. Schwerwiegende Folgen hatte er nicht zu befürchten. 5 Im Zusammenhang mit den Ursachen Autoritätsgläubigkeit und Gruppendruck sind das Milgram-Experiment und das  Konformitätsexperiment von Asch von Bedeutung. Stanley Milgram testete die Bereitschaft von Menschen, autoritären Anweisungen zu folgen,  Solomon Asch zeigte in seiner Versuchsanordnung, wie Gruppenzwang eine Person beeinflussen kann. Ursachen keineswegs exklusiv sind für die nationalsozialistischen Verbrechen: Die Massaker von My Lai im  Vietnamkrieg oder von Srebrenica im Bosnienkrieg sind in diesem  Zusammenhang lediglich Beispiele. Fazit: Die von Browning sehr detailliert geschilderten Verbrechen der Polizisten mögen abschreckend und aus heutiger Sicht geradezu unfassbar wirken, sie zeigen aber deutlich, welche unglaubliche Mordmaschinerie im Osten Europas, in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten hinter der Front in Gang gesetzt worden ist. Noch heute werden diese Verbrechen nicht nur in rechten Kreisen bestritten oder bezweifelt, auch wird gerne behauptet, dass diese Taten allein auf Kosten ausgesuchter, ideologisch verblendeter SS-Einheiten gegangen seien. Diese Sichtweisen werden vom Autor durch die von ihm benutzten Dokumente schonungslos ins Reich der Märchen verwiesen. Denn von den Führungskräften der Einheit wurden die Verbrechen detailliert schriftlich im Diensttagebuch festgehalten. Dazu kommen die Täteraussagen, die in weiten Teilen sogar noch als geschönt betrachtet werden müssen, da viele Polizisten kaum die volle Wahrheit gesagt haben dürften, um sich nicht selbst allzu sehr zu belasten. Doch selbst die vorliegenden Aussagen malen ein erschreckendes Bild von „ganz normalen Männern“, die innerhalb kurzer Zeit jegliches zivilisiertes Verhalten eingebüßt haben. Das Nachwort mit der Replik auf Goldhagens These vom „eliminatorischen  Antisemitismus“ ist eine sinnvolle Ergänzung zu den von Browning angeführten Ursachen,  die die  beschriebenen Verbrechen möglich gemacht haben. Goldhagens   monokausale Betrachtung setzt Browning eine differenziertere gegenüber. Sie ist  fundierter, historisch nachvollziehbar und begründbar, zudem mit den Ergebnissen  psychologischer Experimente und Versuchsanordnungen wissenschaftlich unterlegt. Alles in allem ein sehr empfehlenswertes und lesenswertes Buch, welches  den Leser jedoch mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt, nicht nur wegen der von Browning beschriebenen Geschehnisse, sondern wegen der Erkenntnis, dass aus seiner  Argumentation letztlich die Möglichkeit resultiert, dass sich derartige Ereignisse jederzeit wiederholen können.