Roger Chickering

Freiburg im Ersten Weltkrieg - Totaler Krieg und städtischer Alltag 1914-1918

Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag, 2009. Gebundene Ausgabe, 606 S., 49,90 €, ISBN: 978-3506-76542-0

Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler

 

Die Literatur zum Ersten Weltkrieg, die zurzeit angeboten wird, hat eine kaum noch überschaubare Fülle angenommen, so dass es bereits auf Grund der schieren Masse schwierig ist, einen Überblick zu behalten. Darüber hinaus fällt die Unterscheidung zwischen Qualitätsliteratur und Beiträgen, die lediglich Redundanz bieten, nicht immer leicht. Ein lesenswertes Buch ist das hier vorgestellte, welches im Jahre 2009 im renommierten Wissenschaftsverlag Ferdinand Schöningh erschienen ist. Der amerikanische Historiker Roger Chickering nimmt die Ereignisse des Ersten Weltkriegs zum Anlass, die Perspektive auf Freiburg zu lenken, indem er die durch die militärischen Auseinandersetzungen hervorgerufenen Beeinträchtigungen des Lebens auf diesen eng umrissenen Raum analysiert.

 

Es ist die Geschichte einer Stadt, die auf Grund ihrer Lage im Breisgau recht nahe an den Kampfhandlungen lag und somit Bedingungen aufwies, die sie in den Jahren von 1914 bis 1918 in besonderem Maße prägten. Dass auf Grund der Frontnähe Soldaten zum Erscheinungsbild der Stadt gehörten, mag dabei nicht verwundern. Sowohl der Truppenaufmarsch als auch die zurückströmenden verletzten Soldaten gehörten zu den unvermeidlichen Erscheinungsformen dieses Krieges, von denen Freiburg weitaus stärker betroffen war, als die meisten anderen deutschen Städte. Es gab allerdings nicht viele Orte, in denen der Krieg allein wegen des in der Stadt wahrnehmbaren Schlachtenlärms so präsent war. Darüber hinaus wurden die Freiburger auf Grund der Frontlage ihrer Stadt bereits von Luftangriffen heimgesucht; keine deutsche Stadt war häufiger von Bombenangriffen betroffen. Auch wenn sie militärisch kaum Bedeutung hatten, versetzten sie die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Tote und Verletzte sowie beträchtlicher Gebäudeschaden lieferten bereits einen Vorgeschmack auf das, was im Zweiten Weltkrieg viele deutsche Städte erwarten sollte.

 

Diese offensichtlichen Aspekte, die sich aus der geografischen Lage ergaben, sind jedoch nur ein Ausschnitt der von Roger Chickering behandelten Auswirkungen des Krieges auf die Stadt im Südwesten Deutschlands. Er geht weit darüber hinaus und beleuchtet facettenreich die Umstände, durch die das Leben der Menschen beeinflusst wurde. Wie veränderten sich Handel und Gewerbe, Verwaltung und Vereine? Wie sah das kirchliche und universitäre Leben unter den Bedingungen des Krieges aus? Konnten die bald nach Kriegsbeginn auftretenden Engpässe in der Lebensmittelversorgung bewältigt werden? Wurden die sozialen Beziehungen beeinträchtigt? Und wenn ja, auf welche Weise? Gab es Veränderungen beim Auftreten von Kriminalität? War eine ausreichende Gesundheitsversorgung noch gewährleistet? Fragen über Fragen und Roger Chickering gibt Antworten. Dabei wirken einige Aspekte nur auf den ersten Blick skurril. Beim genaueren Hinsehen stellt man jedoch fest, wie stark der Krieg tatsächlich auch in Bereiche des Lebens eindrang, die sich selbst dem historisch Interessierten nicht auf den ersten Blick erschließen: So reduzierte sich beispielsweise die Anzahl der Haustiere in Freiburg während dieser Jahre drastisch. Einerseits gerieten sie als zusätzliche Esser wegen der Folgen der Zwangsbewirtschaftung bald in die öffentliche Kritik, andererseits konnte durch ihre Tötung der eigene Speiseplan etwas aufgebessert werden.

 

Bei der Lektüre wird zudem deutlich, wie allgegenwärtig der Krieg im Leben auch der Menschen war, die nicht unmittelbar in die Militärmaschinerie eingebunden waren. Die Unausweichlichkeit für jeden einzelnen Freiburger wird dem Leser bei der Fülle der Ursachen und Wirkungen sehr schnell bewusst. Dass auch Kinder unter den Engpässen bei der Lebensmittelversorgung litten, gesundheitlich beeinträchtigt waren und letztlich ihre körperliche Entwicklung mit ihrem tatsächlichen Lebensalter in vielen Fällen nicht Schritt halten konnte, veranschaulicht auf tragische Weise die materielle Erschöpfung einer Stadt. Welche Folgen aber hatte es für die Kinder, wenn Väter Militärdienst leisteten, die Mütter arbeiteten, darüber hinaus stundenlang für den Erwerb von Lebensmitteln anstehen mussten und somit keine Zeit für die Erziehung blieb? Die Antworten darauf zeigen neben der materiellen auch die moralische Erschöpfung der Menschen einer Stadt im Ersten Weltkrieg.

 

Fazit:

Roger Chickering hat mit „Freiburg im Ersten Weltkrieg“ eine Arbeit vorgelegt, die anders, ja ungewöhnlich ist. Allein die Bandbreite der von ihm bearbeiteten Themen zeigt, dass allein die globale Betrachtung eines Waffengangs nicht ausreicht, um Geschichte in vollem Umfang erfassen zu können. Erst die Verzahnung weltgeschichtlich bedeutsamer Ereignisse mit Regional- und Lokalgeschichte macht Historie umfassend nachvollziehbar. Diese Verbindung ist Roger Chickering auf beeindruckende Weise gelungen. Zudem hat er seine umfassende Analyse und die damit verbundene Informationsflut in eine sprachliche Form gebracht, die seine Darstellung gut lesbar macht.

 

Hinweis:

Der Preis für das Buch ist mit 49,90 € verhältnismäßig hoch. Alternativ zu einem Kauf kann es beim Verfasser dieser Rezension ausgeliehen werden. Bei Interesse nutzen Sie doch bitte die folgenden Kontaktmöglichkeiten:

Tel. 02401-4902 oder per E-Mail über gpesler@t-online.de

 

Günter Pesler