Konrad Heiden

Eine Nacht im November 1938 – Ein zeitgenössischer Bericht

Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2013, 190 Seiten,
 ISBN 978-3-8389-0374-3, 4,50 €


Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler


 

Wer war eigentlich Konrad Heiden? Heute ist er in
Deutschland tatsächlich weitgehend unbekannt. In
der Weimarer Republik hingegen stand er mitten in
der Öffentlichkeit, wegen seiner spitzen Feder in
rechten Kreisen wenig beliebt. Er beobachtete den
Nationalsozialismus kritisch und begleitete seinen
Aufstieg mit scharfsinnigen, ironischen und pointierten
Presseartikeln, was selbst Hitler nicht verborgen
blieb. Sein erstes Buch „Geschichte des Nationalsozialismus“,
1932 beim Rowohlt-Verlag erschienen,
war schnell vergriffen. Kein Wunder,
dass er nach der „Machtergreifung“ Deutschland
zügig verlassen musste, zunächst in das unter Völkerbundmandat
stehende Saarland. Nach der
Volksabstimmung im März 1935, als es wieder Teil
des Deutschen Reiches wurde, flüchtete er in die
Schweiz, später nach Frankreich und nach dessen
Besetzung durch deutsche Truppen in die USA. In der Emigration schrieb er im Jahre
1936 eine der ersten Hitler-Biographien („Adolf Hitler - Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“)
und das hier besprochene Buch. Seine Veröffentlichungen stießen
auf großes Medieninteresse und machten ihn besonders in Großbritannien und in
den USA zu einem heute noch gern gelesenen Autor. Diverse diplomatische Interventionen
der Nationalsozialisten konnten nicht verhindern, dass seine Bücher weltweit
verbreitet wurden. Auf Grund der politischen Situation in Nazi-Deutschland wurden
seine Bücher dort selbstverständlich nicht veröffentlicht, was erklären mag, warum
er im deutschsprachigen Raum weitgehend vergessen ist. Die erste deutsche
Übersetzung von „Eine Nacht im November 1938“ beweist jedoch, dass diesem Autor
durchaus Interesse entgegen gebracht werden sollte.
Wie der Titel des Buches verrät, behandelt der Autor die gegen die Menschen mit
jüdischer Religionszugehörigkeit gerichteten Exzesse vom 9. auf den 10. November
1938, bekannt als Novemberpogrom, euphemistisch als „Reichskristallnacht“ bezeichnet.
Die Fakten sind bekannt: Mehrere Hundert Tote, Vergewaltigungen, Misshandlungen,
zahlreiche Selbstmorde aus Verzweiflung, etwa 30.000 Verhaftete, von
denen viele an Folter und den grausamen Haftbedingungen verstarben oder mit ruiniertem
Körper und schwer traumatisiert entlassen wurden, etwa 1.000 zerstörte Synagogen,
7.500 demolierte und geplünderte Geschäfte und unzählige Wohnungen,
deren Inventar entweder zerschlagen oder geraubt wurde. Für all die Schäden mussten
Juden selbst aufkommen, etwaige Versicherungsansprüche wurden vom Deutschen
Reich beschlagnahmt und eine „Sühneleistung“ von einer Milliarde Reichsmark
mussten sie auch noch leisten. Die Existenz der deutschen jüdischen Bevölkerung
war zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend vernichtet, die anschließend verschärft
einsetzende Arisierung beschleunigte den Verarmungsprozess. Allein diese
Daten vermitteln einen Eindruck von den Ereignissen, doch wer das Buch von Konrad
Heiden gelesen hat, vermag einzuschätzen, was an Entsetzlichem die Menschen
erlitten haben. Der Autor schildert kaum zu ertragende Details, die schmerzhaft verdeutlichen,
was in jener Nacht, in den Tagen davor, und in den Wochen danach in
Deutschland tatsächlich passierte. Zur Verdeutlichung hier einige Auszüge:
„[…] erlitt der Mann offenbar einen Schädelbruch. Beide (Ehepaar) lagen auf dem
Boden, aber die Schläge gingen weiter. Man sprang mit den Füßen auf die Daliegenden.
Anscheinend ist ein Nazi der Frau mit dem Stiefel direkt ins Gesicht gesprungen,
sie hatte nachher einen gebrochenen Kiefer.“
„Ein junges jüdisches Ehepaar wurde verhaftet. Die Frau bat um Erlaubnis, ihr zehn
Monate altes Baby mitnehmen zu dürfen. Dies wurde ihr verweigert. Nach der Abführung
der beiden wurde das Baby in der leeren Wohnung eingeschlossen und ein
Wachposten davor gestellt. Zwei Tage lang hörte man das Baby noch schreien.
Dann wurde es still.“
„Unterwegs (auf dem Weg ins KZ Sachsenhausen) erlebte ein junger Mann einen
Nervenzusammenbruch, weil er mit ansehen musste, wie SS-Leute seine Mutter, die
aus Schmerz über seine Entführung schrie, erschossen und dann liegen ließen.“
„Dann aber begann erst das Furchtbarste, was sogar alle Misshandlungen als gering
erscheinen ließ: Wir mussten 19 Stunden lang im Lager stehen. Bei einzelnen dehnte
sich diese Zeit bis zu 25 Stunden aus. Wenn einer zusammenbrach: Fußtritte und
Schläge mit Gewehrkolben.“
Das Buch, in wenigen Wochen nach den Ereignissen verfasst, besticht durch seine
pointierte Sprache, wobei der Autor in weiten Teilen Wert auf eine ironische Darstellung
legt. Die dramatischen Schilderungen von Augenzeugen, auf die sich der Autor
u. a. stützt, verbunden mit seinen zupackenden Formulierungen, ziehen den Leser
zügig in den Bann. Auf 100 Seiten ist das Entsetzen niedergeschrieben, Seite um
Seite wird der Leser mehr und mehr in die damaligen Ereignisse hineingezogen.
Durch diesen Sog geht die persönliche Distanz zu dem Geschehen nahezu vollständig
verloren. Ein Geräusch auf der Straße während der Lektüre lässt aufhorchen, der
Drang, ans Fenster zu gehen, ist stark, weil die Bilder im Kopf sich mit dem Geräusch
auf der Straße verbinden.
Das Buch endet ein wenig irritierend: Obwohl Konrad Heiden sicher ist, dass die Nazis
die Vernichtung des Judentums in Deutschland planen, prognostiziert er, das
deutsche Volk werde sich auf Grund der dramatischen Ereignisse im November 1938
letztlich doch noch von den Nazis abwenden. Heute wissen wir, all die Exzesse in
jenen Tagen sollten nicht genug sein. Es musste erst ein katastrophaler Krieg folgen,
der mit einer vernichtenden Niederlage endete, damit Deutschland von den Nationalsozialisten
befreit werden konnte. Letztlich hat diese Fehleinschätzung Heidens keine
Auswirkungen auf die Qualität seiner Aufzeichnungen. Sie sind überaus empfehlenswert,
weil sie das verdeutlichen, was Zahlen, Daten und Fakten nicht können:
das unendliche Leid der Opfer und die Darstellung menschlicher Abgründe!
Fazit: Dieses Buch ist ohne Einschränkungen lesenswert, eine echte Empfehlung.
Gleichgültig ob Vorkenntnisse zur Geschichte des Nationalsozialismus in
Deutschland vorhanden sind oder nicht, die Ausführungen von Konrad Heiden
berühren und lassen nicht los. Für den Neueinsteiger könnte das Buch die Initialzündung
sein, sich einmal näher mit diesem dunklen Teil der deutschen
Geschichte zu befassen.
Im Anhang nähern sich die Herausgeber dem Leben und Werk von Konrad
Heiden auf mehr als 40 Seiten an und im umfangreichen Fußnotenapparat finden
sich zusätzliche Erläuterungen und erhellende Details zu den Ereignissen
rund um die „Reichskristallnacht“ und den beteiligten Protagonisten.