Ullrich, Volker

Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918

Frankfurt am Main: S. Fischer, erweiterte Neuausgabe, 2013, 766 S., ISBN: 978-3596-19784-2, 14,99 €

Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler

 

1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Ist es daher angesichts einer 100-jährigen Zeitspanne nicht naheliegend, die Phase der deutschen Geschichte zu betrachten, in der die Ursachen sowohl für die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts als auch nach dem Ende der Hohenzollernmonarchie das Scheitern der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Herrschaft zu suchen sind? Ist es nicht ebenso naheliegend, zu diesem Zweck eine  Gesamtdarstellung der Epoche von 1871 bis 1918 in die Hand zu nehmen, die den Leserinnen und Lesern einen echten Überblick verschafft? Nach der Lektüre der Neuausgabe des hier zu besprechenden Werkes kann ich beide Fragen guten Gewissens mit Ja beantworten.

 

Die Gliederung des lesenswerten Buches zeigt eine übersichtliche Struktur: „Das Deutsche Reich im Zeitalter Bismarcks“, „Das Wilhelminische Deutschland“, Die Gesellschaft des Kaiserreiches“ und „Der Erste Weltkrieg“. Die Übersichtlichkeit wird ergänzt durch eine angenehm verständliche Sprache, die sich nicht in wissenschaftlichen Betrachtungen „verliert“, sondern anschaulich beschreibt, warum das deutsche Kaiserreich in den Untergang steuerte bzw. gesteuert wurde. Auch wenn es natürlich nicht nur eine Erklärung dafür gibt, zieht sich ein roter Faden durch die Darstellung, der recht gut die Grundlage auf den Punkt bringt, auf der der Erste Weltkrieg, der Niedergang und schließlich das Ende der Monarchie basierten: autoritäre  Fehlentwicklung. Literarisch wurde diese punktuelle Betrachtung sicher am besten in „Der Untertan“ von Heinrich Mann herausgearbeitet. Volker Ullrich arbeitet besonders in seinen  gesellschaftlichen Betrachtungen die aus  heutiger Sicht kaum fassbare Gehorsamsmentalität breitester Schichten der Bevölkerung in nachvollziehbarer sachlicher Darstellung heraus. Beispielhaft sei an dieser Stelle der Reserveoffizier genannt, der  insbesondere in bürgerlichen Kreisen hohes Ansehen genoss. Seine Stellung, und damit auch die herausgehobene Bedeutung des Militärs, kommen pointiert in folgender Formulierung zum Ausdruck:

„Der preußische Leutnant ging als junger Gott, der bürgerliche Reserveleutnant wenigstens als Halbgott durch die Welt.“

 

Der Autor begibt sich darüber hinaus auf Spurensuche, die über das Kaiserreich hinausführt und Erklärungen liefert, warum die Weimarer  Republik scheiterte und letztlich in die menschenverachtende Diktatur des  Dritten Reiches führte. Volker Ullrich schlägt in seinem Werk einen Bogen von der großen Politik über Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur bis zum Alltag der Menschen. Hervorzuheben sind seine Ausführungen zu den zwei Hauptphasen des deutschen Kaiserreichs. Einerseits die Ära Bismarck bis 1890, gekennzeichnet durch außenpolitische Bemühungen, den Frieden zu wahren, und durch eine innenpolitische Zerrissenheit, begründet im Kampf der von Bismarck dominierten Staatsmacht gegen gesellschaftliche Gruppen (Katholiken, Sozialdemokratie). Auf der anderen Seite entwickelte sich nach dem Rücktritt Bismarcks eine Phase – das wilhelminische Zeitalter – der innenpolitischen Einigung, in der letztlich sogar die lange Zeit bekämpfte Sozialdemokratie einbezogen werden konnte. Die außenpolitische Lage verschlechterte sich jedoch zusehends und diverse hier getroffene Fehlentscheidungen hatten einen nicht unwesentlichen Anteil am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Absolut lesenswert und meine favorisierten Darstellungen des Autors finden sich in dem Hauptteil 3 „Die Gesellschaft des Kaiserreichs“. Neben Ausführungen zur sozialen Schichtung, zum Bildungssystem und zur Kultur finden sich hier auch Betrachtungen zur Situation der Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft: Ihre rechtliche Situation, Familienleben, Sexualität, Frauenarbeit und erste Ansätze von Frauenbewegungen und Emanzipation werden vom Autor anschaulich beschrieben. Darüber hinaus werden die Ursachen des übersteigerten Nationalismus, der Militarisierung der Gesellschaft und der Ausbreitung des Antisemitismus erläutert. Besonders in diesem Teil des Buches finden sich die Ursachen, die zur Entwicklung einer extremen Form von Gehorsam und Disziplin führten, also zu einer ausgesprochenen Untertanen-Mentalität. Warum jedoch der Titel „Die nervöse Großmacht“? Volker Ullrich begründet dies mit einem Nebeneinander von Merkmalen, die unvereinbar erscheinen, weil sie rückständig und fortschrittlich zugleich waren. Drei Beispiele sollen dies kurz illustrieren: Einerseits ein industriell und wirtschaftlich stetig stärker werdendes Deutsches Reich, andererseits ein Rückfall unter Kaiser Wilhelm II. in absolutistische Verhaltensweisen, die sich in einem auch zu jener Zeit völlig antiquiert wirkenden Hofzeremoniell äußerte. Darüber hinaus zeichneten sich Wissenschaft und Technik durch Leistungen aus, die das Kaiserreich an die Weltspitze katapultierten und den hervorragenden Ruf deutscher Forscher, Wissenschaftler und Unternehmer bis heute prägen. All dieser Forscher- und Unternehmergeist führte jedoch nicht zu einer Liberalisierung der Gesellschaft. Die Menschen blieben insbesondere im Bürgertum dem Militärischen verhaftet, das sich in der Uniformgläubigkeit offenbarte. Sie zeigte sich in besonderem Maße in der wahren Geschichte von Friedrich Wilhelm Voigt, der Hauptmann von Köpenick. Der preußisch-deutsche Militarismus wiederum verhinderte, dass die in Grundzügen sich entwickelnde Parlamentarisierung reifen konnte. Die nur oberflächliche Demokratisierung und deren Diskreditierung vor allem in großbürgerlichen Kreisen hatte die fatale Folge, dass auch die Weimarer Republik sich nicht festigen konnte. Die drei dargestellten und weiteren Gegensätze sind spezifische Merkmale jener Epoche. Die Phase zwischen 1871 und 1914 war zwar für das deutsche Kaiserreich eine Zeit des Friedens in Europa, jedoch wollten sich Ruhe und Konstanz nicht so recht einstellen. Im Anhang dieser Neuausgabe des bereits 1997 erschienenen Erstlings finden sich auf 50 Seiten Ausführungen zum aktuellen  Forschungsstand und zur  Literatur, die in der jüngeren Vergangenheit zur Geschichte des deutschen Kaiserreichs erschienen ist. Diese abschließenden Betrachtungen runden das Werk von Volker Ullrich in hervorragender Weise ab.

Günter Pesler