Keith Lowe

Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014, 978-3-608-94858-5, Gebundene Ausgabe, 26,95 €


Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler

 


Warum gab es nach der Befreiung Frankreichs oder der Niederlande in den dortigen Städten und Gemeinden plötzlich viele kahlgeschorene Frauen? Sie wurden von der einheimischen Bevölkerung wegen ihrer „horizontalen Kollaboration“ bestraft. Entkleidet, Haare abrasiert und an öffentlichen Plätzen zur Schau gestellt, waren sie Opfer der Rachegelüste, die sich in den Jahren der deutschen Besatzung aufgestaut hatten. Die Frauen mussten dafür büßen, dass sie Liebesverhältnisse mit deutschen Soldaten eingegangen waren. Hier zeigte sich nur eine Form der Gewalt, die sich noch während des Zweiten Weltkriegs und nach Beendigung der Kampfhandlungen auf europäischem Boden zeigte. „Versuchen Sie sich eine Welt vorzustellen, in der es keine Institutionen gibt. Menschen durchstreifen das grenzenlose Land auf der Suche nach Gemeinschaften, die nicht mehr existieren.“ Die einführenden Worte von Keith Lowe, Angehöriger einer jungen Generation von Historikern, klingt wie ein apokalyptischer Kino-Blockbuster aus Hollywood, in dem nur noch das Recht des Stärkeren zählt, dabei beschreibt er nur die Realität von Millionen Menschen in Europa in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach. Ihnen stand das Schlimmste erst noch bevor, zu einer Zeit, als viele glaubten, dass es nun endlich überstanden sei. Die Kämpfe in den befreiten Gebieten waren zwar vorbei, der Frieden aber noch nicht da. Im Grunde genommen beschreibt dieser Satz das Thema des hier zu besprechenden Buches. „Der wilde Kontinent“ erzählt eine europäische Gewaltgeschichte, die durch die weitgehende Abwesenheit von Recht und zivilisatorischer Ordnung begünstigt worden ist. Die Ordnungsmacht der alliierten Streitkräfte wirkte zunächst nur unzureichend und polizeiliche Strukturen sowie die Gerichtsbarkeit waren häufig kaum noch oder überhaupt nicht mehr vorhanden. Der Zweite Weltkrieg hatte Verwaltungen hinweggefegt. Ihr Neuaufbau dauerte Monate, oft Jahre; die Folge waren rechtsfreie Räume. Als die Kampfhandlungen im Mai 1945 offiziell beendet waren, bedeutete dies nicht das Ende der Gewalt; sie flackerte an vielen Orten im zerstörten Europa aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus auf. Das zivile Leben war noch auf Jahre hinaus beschädigt. Keith Lowe schildert sehr drastisch die abstoßenden Gewaltausbrüche, insbesondere die vielen Beispiele und Zeitzeugenberichte lassen den Leser schaudern. Die zahlreichen Archivfunde aus ganz Europa belegen, dass kein nahtloser Übergang vom Krieg in den Aufbau einer friedlichen Zivilgesellschaft gelang. Im Gegenteil, der Kontinent war in weiten Teilen von Anarchie geprägt: Bürgerkriege, Vertreibungen, Vergewaltigungen, Morde, Plünderungen und Bestrafung von Kollaborateuren waren an der Tagesordnung. Aber auch die Alltagskriminalität nahm erschreckende und ungeahnte Ausmaße an. So wurden zu Beginn des Jahres 1946 in Berlin pro Tag 240 Diebstähle und Raubüberfälle angezeigt, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher gelegen haben. Der Frieden war oft nur nominell, Rache bestimmte das gesellschaftliche Klima in vielen Regionen Europas, wobei die millionenfachen Vertreibungen nur die offensichtlichste Erscheinungsform waren. Wer erinnert sich heute schon an die norwegische Kommission, die befand, dass die von deutschen Soldaten gezeugten Kinder schwachsinnig sein müssen, weil nur schwachsinnige norwegische Frauen mit Deutschen geschlafen haben konnten. Diese Frauen und Kinder wurden über viele Jahre hinweg ausgegrenzt und geächtet, ein Kapitel der norwegischen Geschichte, welches gerne ausgeblendet wird. Das große Verdienst des Autors ist, diese und viele andere damalige Geschehnisse aufzugreifen und einer breiten Öffentlichkeit bewusst zu machen, Geschehnisse, deren Thematisierung von den betroffenen Nationen teils bewusst vermieden wird, da sie den Mythos vom flächendeckenden nationalen Widerstand beeinträchtigen würden. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs muss deshalb nicht neu geschrieben werden - die Verantwortlichkeit des Deutschen Reiches und die von Deutschen in unvorstellbarem Ausmaße begangenen Gräueltaten bleiben vom Autor unbestritten bestehen - doch seine überwältigende Gesamtschau zeigt, dass viele Nationen noch lernen müssen, mit ihrer eigenen Verantwortung offener umzugehen.
Fazit: Das Werk von Keith Lowe ist eine beeindruckende und abstoßende Darstellung, ein Gemälde des Schreckens, das dem Leser eindrücklich bewusst macht, wie dünn die Decke der Zivilisation sein kann.