Achim Konejung

Das Rheinland und der Erste Weltkrieg

Regionalia-Verlag, Euskirchen 2013, ISBN 978-3939722908, gebundene Ausgabe, 196 S., 19,95 €

Rezensiert von Peter Kullick, Geschichtsverein Baesweiler

Sind Sie schon einmal als Hobby-Radler auf dem neuen „Premium“-Radweg der Vennbahn gefahren?
Wussten Sie auch, dass  diese ursprüngliche Güterbahnstrecke von Stolberg nach Luxemburg in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg als Teil des strategischen Eisenbahnnetzes für den Aufmarsch gegen Belgien mit teilweise 600 Meter langen Bahnsteigen ausgebaut wurde?
Sind Sie schon einmal auf dem sogenannten „Pilgerweg“ von Aachen nach Moresnet gewandert?
Wussten Sie auch, dass das mächtige Eisenbahnviadukt, das bei Moresnet das Geultal überspannt, im 1. Weltkrieg von vorwiegend russischen Kriegsgefangenen erbaut wurde, von denen viele auf dem Aachener Waldfriedhof bestattet sind?
Sind Sie schon einmal im Aachener Rathaus gewesen und haben sich im Krönungssaal die berühmten Rethel-Fresken angesehen?
Wussten Sie auch, dass am 21. Oktober 1923 sogenannte „rheinische Separatisten“,  ähnlich wie in diesem Frühjahr überall in der Ukraine, öffentliche Gebäude besetzten, in diesem Fall das Aachener Rathaus, um die Abspaltung vom Gesamtstaat zu erzwingen? Ob sie allerdings Zeit und Muße für die Betrachtung der Rethel-Fresken erübrigen konnten, ist zu bezweifeln, da das Mobiliar im Krönungssaal von den Rabauken in bemitleidenswertem Zustand zurückgelassen wurde. Nach einigen Wochen brach diese von Frankreich unterstützte Bewegung in sich zusammen.
Diese drei Beispiele für historisch bedeutsame Vorgänge in unserer Region entstammen dem Bildband „Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ von Achim Konejung - Dieses gut 200 Seiten umfassende, reich mit Fotografien ausgestattete und kommentierte Werk des Künstlers Achim Konejung ist im Regionalia-Verlag, Euskirchen erschienen. Es ist zum Preis von 19,95 € in vielen Buchhandlungen und Museumsshops vorrätig erhältlich.
Das Buch ist in drei Großkapitel unterteilt: Aufmarschgebiet – Heimatfront – Besatzungszone. Es umfasst also zeitlich über dreißig Jahre: von etwa der Jahrhundertwende bis 1930, und schildert Vorgeschichte, Hauptereignis und Folgen des 1. Weltkriegs im Rheinland.
In den Jahren vor dem Kriegsausbruch 1914 war das Rheinland Schauplatz von Vorbereitungen  zum Truppenaufmarsch gegen Belgien. Der seit 1905 gültige Schlieffenplan sah im Kriegsfall gegen Frankreich einen Vormarsch durch das neutrale Belgien vor, da das meist flache Gelände Belgiens ein schnelleres Vorrücken der Deutschen und damit eine günstigere Siegchance gegen Frankreich zu bieten schien. Eine somit schnelle Entscheidung im Westen war Voraussetzung für die rasche Verlegung von Truppen nach Osten gegen Russland. Dieser wahrscheinliche Zweifrontenkrieg war das strategische Dilemma der deutschen Kriegsplanung. Ein effektives Eisenbahnsystem war unbedingt erforderlich, um diese Riesenaufgabe zu erfüllen. Also kam neben der Stationierung von Armeeeinheiten in neuen Kasernen im Rheinland dem Ausbau des strategischen Eisenbahnnetzes höhe Priorität zu. Es lohnt sich durchaus, bei einem Ausflug in die Eifel einmal anhand des Bildmaterials dieses Buches die Überreste dieser gigantischen Geldverschwendung zu suchen und dabei seine Phantasie spielen zu lassen, wie es wohl vor hundert Jahren hier zugegangen sein mag
Im zweiten Kapitel „Heimatfront“ liegt der Schwerpunkt auf den Menschen und wie der Krieg das Leben beeinflusste. Den Bildern vom Abmarsch zur Front folgen Informationen zu den Gräueln in Belgien, die den Deutschen bei den Engländern den Schimpfnamen „Hunnen“ eintrugen. Das Leben der Kriegsgefangenen wird dargestellt wie auch die Lazarette im Rheinland. Kinder spielen Krieg, Frauen produzieren Munition, Männer hocken im Schützengraben: Schon damals war der Krieg „total“.
Schließlich erfahren wir auch viel über die Zeit nach dem Krieg bis 1930, als das Rheinland von den Siegermächten besetzt war. Der Hass der Besiegten steigerte sich noch, sowohl auf die Besatzer als auch auf die Linken, die die Niederlage durch ihren Verrat  angeblich zu verantworten hätten. Diese sich herausbildende Mentalität sollte unter den Nationalsozialisten bittere Früchte tragen. Insofern erscheint die Zeit der Diktatur als eine Offenlegung und  Steigerung des schon lange Vorhandenen.
Was die Schreibweise des Autors Konejung angeht, so haben mich zwei  Besonderheiten sehr beeindruckt. Einmal erfährt man so viele Einzelheiten, dass einem öfters ein „Aha!“ entfährt, weil einem die Zusammenhänge schlagartig klar werden. Z. B. kennen fast alle die Fotos von den abrückenden Truppen, die vor einem geöffneten Eisenbahnwaggon posieren, auf dem mit Kreide Sprüche oder Karikaturen aufgemalt sind. Woher hatten die Soldaten die Kreide, denn kriegswichtig war sie ja nicht? Auflösung:  Auf jedem Waggon fuhr ein sog. „Bremser“ mit, der mit Kreide aktuelle Informationen für den Bahnbetrieb  auf die Waggontür schrieb.
Sehr beeindruckend ist auch die Ernsthaftigkeit, mit der ein Kabarettist wie Konejung dieses Thema erarbeitet, so dass eine persönliche Betroffenheit erkennbar wird. So wird  mancher aus der Nachkriegsgeneration zur Identifizierung eingeladen, weil man ähnliche Familiengeschichten selbst erlebt hat. Da ist der Großvater Karl Konejung mit dem Glasauge, den der kleine Achim gerne danach fragen möchte, es aber nicht wagt. Die Eltern antworten auch nur ausweichend. So entsteht in dem Jungen eine Wissbegierde, was den 1. Weltkrieg angeht, die noch durch seine Schulzeit im belgischen Antwerpen verstärkt wird, wenn er gelegentlich beschimpft wird. Es ist fesselnd zu lesen, wie er Schritt für Schritt Familiengeheimnisse erfährt, obwohl alle am liebsten einen Schleier des Vergessens über die Vergangenheit legen wollen.
Dieses Buch überzeugt auf der historisch-sachlichen wie auf der persönlichen Ebene gleichermaßen!

Peter Kullick