Ian Kershaw

Das Ende – Kampf bis in den Untergang – NS-Deutschland 1944/45

Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2011. 703 S., ISBN: 978-3-421-05807-2. Gebundene Ausgabe 29,98 €

Rezensiert von Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler


Zu welchem Zeitpunkt war das Dritte Reich militärisch besiegt? Mit dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941? Mit der Niederlage der 6. Armee in Stalingrad Anfang Februar 1943? War die Schlacht von Kursk („Operation Zitadelle“) im Sommer 1943 verantwortlich, die größte Panzerschlacht der Weltgeschichte, nach der die deutsche Wehrmacht im Osten ihre offensiven Fähigkeiten verlor? Oder war die Niederlage doch erst mit der Landung der westlichen Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 besiegelt? Über den exakten Zeitpunkt gibt es in Historikerkreisen unterschiedliche Ansichten, sicher aber ist, dass spätestens im Sommer 1944 der Krieg für das Deutsche Reich militärisch verloren war. Angesichts der militärischen Lage zu jener Zeit stellt sich die Frage, warum der Krieg, in der Folge weitgehend auf deutschem Territorium stattfindend, noch etwa zehn Monate andauerte? Warum funktionierte das Leben, wenn auch unter den Einschränkungen des Krieges, in Deutschland weiter? Die Städte wurden mehr und mehr zur Trümmerlandschaft, dennoch arbeitete die Verwaltung, die Post kam und die öffentliche Ordnung konnte aufrechterhalten werden. Wie bekannt, kam es zu keinem Aufstand, zu keiner Revolution, obwohl doch die Lage von Monat zu Monat aussichtsloser wurde. Warum nicht? Diese Frage stellte sich auch einer der bedeutendsten Historiker der Gegenwart und ausgesprochener Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus, Ian Kershaw. Antworten darauf gibt er in diesem lesenswerten Buch. Die Darstellung beginnt mit dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 und zieht sich bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Sie ist chronologisch geordnet und der Binnengliederung der einzelnen Kapitel liegt ein einheitliches Muster zu Grunde: Zunächst werden die militärischen Ereignisse geschildert, anschließend die Reaktionen der politischen und militärischen Führungsebene, bevor auf die Zivilbevölkerung und die einfachen Soldaten eingegangen wird. In jedem Kapitel analysiert Kershaw, bezogen auf den jeweiligen Schwerpunkt, warum der Krieg bis zum bitteren Ende weitergeführt worden ist, und wie das Leben unter den damaligen Umständen dennoch weitgehend funktionierte. In den zehn Monaten von Ende Juli 1944 bis Mai 1945 starben mehr Zivilisten, als in den vier Kriegsjahren vorher und noch einmal so viele Soldaten, wie in den Jahren davor. Angesichts dieser Schreckensbilanz ist die Fragestellung des Autors sehr berechtigt: Warum wurde diesem alltäglichen Wahnsinn in den letzten Kriegsmonaten kein Ende bereitet? Ian Kershaw liefert ein Bündel an Antworten, aus denen hier nur ein einzelner Aspekt herausgegriffen wird, der allerdings gerade für die militärische Entwicklung im letzten Kriegsabschnitt entscheidende Bedeutung hatte. Zusammengefasst könnte man schlagwortartig sagen: Die militärischen Befehlshaber waren Überzeugungstäter. Damit ist keineswegs eine nationalsozialistische Verblendung gemeint, die bei dem einen oder anderen aber durchaus entscheidend war für die strikte Befolgung selbst völlig sinnloser Befehle. Viele waren einfach geprägt durch die preußischen Sekundärtugenden Disziplin und Gehorsam. Häufig aufgewachsen in Familien, in denen die Militärlaufbahn seit Generationen prägend war, waren sie gedanklich in einem Netz aus Pflichterfüllung und an sie gerichteten Erwartungen gefangen, zusätzlich im Nationalsozialismus durch den Treueeid persönlich an Adolf Hitler gebunden. Ihre Sozialisation ließ ihnen also kaum eine andere Wahl, selbst Befehle auszuführen, die militärisch aussichtslos, die in Anbetracht der jeweiligen militärischen Lage sogar völlig absurd waren. Ohne diese tiefsitzende Pflichtauffassung und ohne die damit verbundene bedingungslose Unterstützung des nationalsozialistischen Regimes hätte der Krieg nicht bis weit in das Jahr 1945 hinein fortgeführt werden können. Doch dies ist nur eine Antwort, die der Autor anbietet. In seiner klaren, verständlichen und schnörkellosen Sprache, typisch Kershaw eben, interpretiert er mithilfe zahlloser Beispiele die Ursachen, die zu dieser für Millionen von Menschen tragischen Verlängerung des Krieges führten, insgesamt belegt durch eine umfangreiche Quellenlage. Damit erzählt er auch die Geschichte der Endphase des Dritten Reiches in großer Breite. Das Verb „erzählt“ ist an dieser Stelle bewusst gewählt, da sich das Werk, wenn auch in erster Linie Sachbuch, über weite Strecken wie Prosa liest. Dieser Stil ist kennzeichnend für Ian Kershaw, er macht das Buch lesenswert, weil es ihm dadurch gelingt, Historie auf spannende und interessante Weise dem Leser näherzubringen. So soll es sein!