3. Themenwochenende
„Geschichte verstehen – Zukunft gestalten“
(Freitag, 19. und Samstag 20. Januar 2018, Burg Baesweiler)



Das 3. Themenwochenende (19./20. Januar 2018; die beigefügten Fotos vermitteln einen Eindruck von den beiden Veranstaltungstagen) befasste sich mit den nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen, mit Opfern und Tätern und den hieraus für unsere aktuelle gesellschaftliche Diskussion zu ziehende Lehren. Auch heute sind die Vorstellungen über wertvolles und unwertes Leben in der Bevölkerung sehr unterschiedlich und die während des Themenwochenendes referierten Einstellungen von damals sind nach wie vor virulent, dies zeigen Umfragen und Studien deutscher Universitäten sehr deutlich.
Die drei Säulen der Veranstaltungsreihe wurden am vergangenen Themenwochenende noch einmal sehr deutlich: Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden und damit die Verortung in aktuelle politische und gesellschaftliche Prozesse, über Geschichten und Schicksale in der Geschichte berichten sowie die wissenschaftliche Fundierung.
Die Gäste in der Burg Baesweiler wurden bereits beim Betreten des Veranstaltungssaales mit einem Film begrüßt, der verdeutlichte, dass die Täter im nationalsozialistischen Euthanasieprogramm - Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, Hilfspersonal - keinesfalls Sadisten waren, sondern „Ganz normale Männer“ (bezogen auf das Themenwochenende auch Frauen), wie es auch der Historiker Christopher Browning im Zusammenhang mit anderen NS-Verbrechen in seinem gleichnamigen Buch beschreibt. Nicht ungebildete üble SA-Schergen und zynischkalte SS-Ideologen, im Gegenteil, kultivierte, etablierte und profund gebildete Bürgerlichkeit steuerte den Prozess der Vernichtung.
Fortgesetzt wurde der Abend mit einer Konversation/Dialog, die/der an jedem beliebigen Ort und nahezu bei jeder Gelegenheit beobachtbar ist. Im Gespräch wurde die Frage diskutiert, ob Leben allein aufgrund ökonomischer Aspekte beendet werden dürfe. Angesichts der alternden Gesellschaften ein sehr aktuelles Thema.
Den Hauptteil des Abends gestaltete Gabriele Lübke mit dem Bericht vom Schicksal ihrer Großmutter Rosa Schillings, die dem nationalsozialistischen Euthanasie-Programm zum Opfer fiel. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt in einer Heil- und Pflegeanstalt - Erstdiagnose Depression - wurde sie im Mai 1941 in Hadamar durch Vergasung ermordet. Eine filmische Rekonstruktion des israelischen Regisseurs Yaniv Schwartz, die Leben und Leid von Rosa Schillings zum Inhalt hatte, rundete den Vortrag ab. Für Rosa Schillings wurde im August 2017 in Würselen auf Initiative des Christlichjüdischen Arbeitskreises ein Stolperstein verlegt. Gabriele Lübke: „Für mich ist er wie ein Grabstein, eine verspätete Beerdigung.“
Nach einer Pause folgte eine Gesprächsrunde mit Gabriele Lübke, Dr. Friedrich Leidinger - Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Experte zur NS-Euthanasie - und den Moderatoren Enno Schwanke vom Historischen Institut der Universität zu Köln und Günter Pesler. Erörtert wurden insbesondere die historischen Hintergründe zur NS-Euthanasie, wobei auch der Bezug zur Gegenwart gesucht wurde. Wie lässt sich beispielsweise erklären, dass in einer Umfrage 60 % der Befragten einer pränatalen Tötung eines vermeintlich behinderten Kindes zustimmen würden?
Am folgenden Samstag referierte ab 14 Uhr Dr. Matthis Krischel vom Institut für Geschichte, Theorie u. Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf spannend und aufschlussreich über die Rolle der Ärzte und medizinischen Institutionen im Nationalsozialismus. Seine Schwerpunkte: Warum waren etliche Mediziner führend verantwortlich für Verbrechen an kranken und behinderten Menschen? Wie sah nach dem Ende des NS-Regimes die justizielle Aufarbeitung dieser Verbrechen aus?
In der sich anschließenden kontroversen, lebhaften und erfrischenden zweistündigen Diskussion zeigte sich erneut die Aktualität des Themenwochenendes: Sterbehilfe, Pflege von kranken und hilfsbedürftigen Menschen, die alternde Gesellschaft und die Folgen. Als große Gefahr wurde von den Teilnehmenden die Ökonomisierung der Gesellschaft gesehen, die den einzelnen Menschen zunehmend unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt betrachtet, damit verbunden die drohende Gefahr, dass Sozialpolitik in der Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse weiter erodieren könnte. Es sei deshalb unbedingt notwendig, den Wert des Menschen als Leitlinie herauszustellen.
Das Projektteam von „Geschichte verstehen - Zukunft gestalten“ bedankt sich bei allen Gästen des 3. Themenwochenendes und Unterstützern der Veranstaltungsreihe.
Vielen Dank auch an Willi Köhnen und sein Team für die perfekte Betreuung in der Burg Baesweiler sowie an ULi Muntenbeck für die tollen und zahlreichen Fotos.
Das 4. Themenwochenende findet statt am 16. März (19 Uhr) und 17. März (14 Uhr) 2018.
Veranstaltungsort ist dann das
Weiterbildungskolleg der StädteRegion Aachen (Euregio-Kolleg),
Friedrichstraße 72, 52146 Würselen
Inhalte der beiden Veranstaltungen werden rechtzeitig auf den üblichen Wegen bekanntge-geben. Das Projektteam freut sich schon sehr auf ihren Besuch.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Projektteam „Geschichte verstehen - Zukunft gestalten“
Jana Blaney, Leiterin Volkshochschule Nordkreis Aachen
Enno Schwanke, Historisches Institut der Universität zu Köln
Heinz W. Kneip,
Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler e. V. 

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