Tagesausflug nach Thorn und Stevensweert
(Samstag, 2. September 2017)

45 Teilnehmer begaben sich am frühen Samstagmorgen auf eine Tagesfahrt ins Limburgische. Der gemeinsam vom Geschichtsverein Baesweiler in Kooperation mit den Freunden vom Alsdorfer Geschichtsverein geplante Ausflug führte zunächst ins „weiße Städtchen Thorn“. Vermutlich gibt es keinen zweiten Ort, in dem sich im Verhältnis zur Gesamtzahl der Gebäude so viele denkmalgeschützte Objekte befinden: 105! Es ist jedoch keineswegs nur dieser statistische Wert, der beeindruckt, auch die mit Kieselsteinen aus der Maas gepflasterte Altstadt, die hervorragend erhaltenen weiß getünchten Häuser und die die Szenerie beherrschende frühere Abtei und heutige Pfarrkirche geben dem Ort ein wunderbar pittoreskes Flair. Eingebettet in die sattgrüne limburgische Landschaft hätte sich dieses Bild auch ein niederländischer Landschaftsmaler nicht schöner ausdenken können.
Nach einer kurzen Stärkung zu Beginn und einem einführenden ca. 20minütigen Film über die Geschichte Thorns teilte sich die Reisegruppe, um die ehemalige Abteikirche zu besichtigen. Catharina Scholtens und Tony Joosen nahmen mit auf eine Reise von ihrer Gründung im 10. Jahrhundert als Benektinerinnenstift über die Umwandlung in ein freiweltliches Damenstift - aus dem später das Reichsstift Thorn werden sollte - im Laufe des 12. Jahrhunderts bis zum Einmarsch der französischen Truppen im Jahre 1794, der die weibliche Herrschaft über Thorn beendete. In das Damenstift, welches die Geschicke Thorns über all die Jahrhunderte bestimmte, konnten ausschließlich unverheiratete Frauen aus dem Hochadel eintreten. Sie und die jeweils leitenden Fürstäbtissinen nutzten ihre Möglichkeiten gut, denn das ehemalige „Land von Thorn“ entwickelte sich zu einem lebenswerten Stück Erde und Ausdruck des Reichtums ist noch heute die Pfarrkirche, die während des Barock eine üppige Innenausstattung erhalten hat. Diese Pracht breitete sich vor den Besuchern aus, doch sie muss auch gedeutet werden können, wofür Catharina Scholtens und Tony Joosten in ihren jeweiligen Gruppen mit ihren Fachkenntnissen sorgten.
Deutungen waren auch außerhalb des Kirchengebäudes notwendig, denn wer hätte schon gewusst, dass das Durchschreiten eines Torbogens für die Menschen in jener Zeit von elementarer Bedeutung gewesen ist. Das sogenannte Immunitätstor bedeutete Schutz vor Strafverfolgung, wer es durchschritt befand sich innerhalb der kirchlichen Obhut; im heutigen Sprachgebrauch würde von Kirchenasyl gesprochen werden.
Zusammengefasst: Die kluge Politik des Damenstifts machte Thorn und die Umgebung wohlhabend, sogar das Recht zur Münzprägung stand dem kleinen Fürstentum des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zeitweilig zu, auch wenn dieses Recht von der Fürstäbtissin durch die Fälschung eines Dokuments erschlichen worden ist. Das Land von Thorn war aber auch ein friedlicher Ort, denn unter der Leitung des Damenstifts ging von diesem Gebiet niemals eine kriegerische Handlung aus, wahrlich ungewöhnlich für die rauen Zeiten vergangener Jahrhunderte.
Dem Besucher fallen neben der prachtvollen und monumentalen Pfarrkirche sofort die Straßenzüge mit ihren nahezu ausschließlich weiß getünchten Häusern auf. Die Franzosen brachten nicht nur das Ende für das Fürstentum, auch für die farbliche Einheitlichkeit der Gebäude tragen sie die Verantwortung. Um die von ihnen eingeführte Fenstersteuer zu minimieren, sahen sich die Bewohner veranlasst, die Zahl der Fenster an der Vorderseite ihrer Häuser zu reduzieren, denn nur für diese Seite wurde die Steuer erhoben. Die Steine, die sie dazu verwendeten, mussten sie übertünchen, um ihre unterschiedlichen Größen zu verdecken, und dazu nutzten die Eigentümer weißen Kalk.
Nach einem niederländischen Lunch konnte sich die Reisegruppe während einer ca. 1 ½stündigen Schifffahrt auf der Maas bei herrlichem Sommerwetter entspannen. Das Wassersportgebiet Maasplassen präsentierte sich in Bestform: Permanent schwirrten Segelboote um das Schiff herum und zahlreiche Angler hielten ihre Ruten unbeirrt ins Wasser. Trotz des Trubels schienen alle maritimen Beteiligten die Lage jederzeit im Griff zu haben, es erweckte jedenfalls niemand den Eindruck einer besonderen Hektik. In der Zwischenzeit wurde an Deck die Zeit mit Plauderei, dem einen oder anderen kühlen Getränk sowie der herrlichen Aussicht verkürzt, so dass das Ziel, das kleine Festungsstädtchen Stevensweert, bald erreicht war.
Als die Vereinigten Niederlande sich im Achtzigjährigen Krieg in einem zähen Ringen ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone erkämpften, wurde Stevensweert zur Festung ausgebaut. Damals allerdings, im 17. Jahrhundert, war der Ort noch in der Hand der Spanier gewesen. Sie sahen sich zur Befestigung gezwungen, da eine Blockade drohte, denn 1632 hatte Friedrich Heinrich von Oranien mit seinen Truppen sämtliche umliegenden Orte erobert. Im Westfälischen Frieden - er beendete sowohl den Dreißigjährigen als auch den Achtzigjährigen Krieg - blieb Stevensweert zwar zunächst spanisch, konnte aber später im Spanischen Erbfolgekrieg dann doch von den inzwischen unabhängigen Niederländern eingenommen werden. Die ehemals sternförmige Festungsanlage ist zwar heute nur noch in Ansätzen erkennbar, da sie im 19. Jahrhundert geschleift und die Festungswälle nur teilweise wieder restauriert worden sind, allerdings entsprechen die Straßenzüge des Ortes der ehemaligen sternförmigen Anlage. Um dies zu erkennen, bedurfte es allerdings der sachkundigen und engagierten Unterstützung von Tony Joosen, der auf die Gässchen und Sträßchen aufmerksam machte. Ohne ihn wären wohl die meisten Teilnehmer achtlos daran vorbeigelaufen, da sie, eingebettet in Häuser und Gärten, für den ungeübten Blick kaum wahrzunehmen sind.
Nach einer erholsamen Pause in einer Außengastronomie - das Wetter meinte es ausgesprochen gut mit den Alsdorfern und Baesweilern - wurde die Heimfahrt angetreten. In Baesweiler angekommen, neigte sich ein Tag seinem Ende entgegen, der zahlreiche Eindrücke hinterließ und die Gewissheit, ein schönes und geschichtsträchtiges Stückchen Erde gesehen zu haben und an einem sonnigen Tag mit freundlichen und dem Leben zugewandten Menschen unterwegs gewesen zu sein.



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